Versprecherforschung: Wir werden das Problem schon schaukeln

Am Wochenende erhielt ich diese Postkarte zusammen mit einem frühen Ostergruß. Als autodidaktische Pflanzenkennerin weiß ich, dass Koniferen Nadelhölzer sind, die im Fachjargon Coniferales oder häufig auch Pinales genannt werden.

Konifere

Trotzdem habe ich Konifere mal gegoogelt und tatsächlich ist der zweite Treffer Koryphäe, beides Wikipedia. Diese beiden Wörter stehen in keinem Zusammenhang miteinander, außer ihrem etwas ähnlichen Klang. Sie scheinen keine einheitliche Benutzergruppe zu haben, höchstens auf Seiten der Pflanzenkundigen, in deren Reihen sich einige Koryphäen tummeln dürften, allerdings kenne ich keine namentlich. Die herausragenden Persönlichkeiten der wissenschaftlichen Fachgebiete – ausgenommen der pflanzenkundlichen – hingegen unterhalten sich wohl eher selten über Koniferen, vielleicht bei einem Stehempfang, wenn sie sich ausnahmsweise nicht über ihre wissenschaftlichen Fachgebiete, sondern über ihre Gartengewächse austauschen.

Du bist eine Konifere auf deinem Gebiet

Noch interessanter als die Reihenfolge der beiden Begriffe bei den Google-Suchergebnissen ist die Länge ihrer Beschreibung bei Wikipedia. Koniferen: Eine mehrseitige Abhandlung über die Pflanzenart. Koryphäe: Ein Satz: Eine herausragende Persönlichkeit in einem wissenschaftlichen Feuchtgebiet, äh Fachgebiet, sorry.

Viel ist nicht immer richtiger, aber bei Koryphäe habe ich einfach mehr Informationen erwartet. Was ist schon eine herausragende Persönlichkeit? Wodurch zeichnet sie sich denn aus? Ist das ein verliehener oder zugeschriebener oder eingebildeter Titel? Wie wird man eine Koryphäe? Gibt es Koryphäen, die gar keine sein wollen? Wer entscheidet darüber? Ein wissenschaftliches Gremium voller Koryphäen? Der Wikipedia-Eintrag zu Koryphäe löst mehr Fragen und Ungereimtheiten aus als er zur Klärung beiträgt.

Koryphäe ist ein komplexer und subtiler Begriff. Vielleicht ein wenig altmodisch. Was aber kein Grund sein dürfte, warum ein Online-Lexikon ihn derart stiefmütterlich behandelt. Wikipedia vereinfacht und verkürzt seine Bedeutung auf einen einzigen Satz und selbst wenn auf Etymologie, Wortbestandteile plus eine zweite noch weniger gebräuchliche Bedeutung hingewiesen würde, kratzt der Online-Wissen-Bereitsteller damit höchstens an der Oberfläche.

Mir war nicht klar, dass ich da jemandem auf die heiligen Kühe getreten bin

Der Ausspruch „Du bist eine Konifere auf deinem Gebiet“ könnte auf dem eben erwähnten Empfang im Gespräch zweier Wissenschaftler nach einigen Gläsern Waldmeisterbowle gefallen sein. In den Redefluss der eloquenten und intelligenten Muttersprachler schleicht sich dieser Versprecher ein. Als Kompliment und kommunikative Nettigkeit gemeint, offenbart sich der Satz als vielsagendes Fenster des Geistes (ja, genau: Sigmund Freud: Fenster zum Unterbewussten). Vielleicht bemerkt sein Gegenüber den Versprecher gar nicht oder korrigiert gutwillig im Geiste, weil er den anderen nicht bloßstellen will.

Wir haben noch ein paar ungelegte Eier im Keller

Es gibt Leute*, die sammeln Versprecher. Akribisch und leidenschaftlich. Douglas Hofstadter, Physiker und Kognitionswissenschaftler und Emmanuel Sander, Mathematiker und Kognitionspsychologe. Auch die Sprachwissenschaftlerin Victoria Fromkin, die französischen Psycholog/innen Évelyne Peter-Defare und Pierre Arnaud. Die Psychologen Gary Dell, Donald Norman und David Rumelhart haben vielbeachtete Computermodelle zu sprachlichen Fehlleistungen entwickelt. Sie alle kommen zu dem Ergebnis, dass Versprecher „in der Tat hör- oder sichtbare Spuren mentaler Prozesse sind, die weit unterhalb der Ebene des Bewusstseins ablaufen.“

Innerhalb der Versprecherforschung gibt es eine Kategorie, die nennt sich lexikalische Vermischung. Zu diesem Phänomen gehört auch der Koniferen-Spruch. Hier eine Auswahl der von Hofstadter gesammelten „Klöpse“ – die meisten sind ziemlich witzig:

  • Ist das da drüben der Buckminster-Palace?
  • Ich kann nicht über meine Haut springen.
  • Sie hat ihn übers Ohr gelegt.
  • Pass mal genau zu!
  • Er ist auf dem laufenden Stand.
  • Dafür musste ich meine Kappe hinhalten.
  • Größere Anstrengungen sind zu untermeiden.
  • Ich hätte lieber für klare Verhältnisse geschafft.
  • Sie macht ihre Sache immer kurz vor dem letzten Drücker.
  • Wir wollen doch bitte hier keine Erbsen spalten.
  • Damit kann man niemanden mehr hinter dem Blumentopf hervorlocken.
  • Eine Krähe wäscht die andere.
  • Wir werden das Problem schon schaukeln.

*Zitate und Beispiele aus Douglas Hofstadter, Emmanuel Sander, Die Analogie

2 Kommentare zu „Versprecherforschung: Wir werden das Problem schon schaukeln

  1. Stilstrategie.de 24. März 2015 — 08:49

    Herrlich! Habe laut gelacht! War auch zwei Ausrufezeichen wert. 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Peggi Liebisch 24. März 2015 — 09:29

      Ja, es ist als würde unser Gehirn Purzelbäume schlagen oder Sprachcocktails mixen, um zu schauen, was da für Kreationen herauskommen…. danke für die zwei !!, fühle mich geehrt :-), LG

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