Andy was here: Schloss Drachenburg

Wäre dieser Blog ein Episodenfilm, so würde heute eine Sequenz aus den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts gesendet. Höhepunkt und gleichzeitig das vorläufige Ende wäre ein Close up auf die blassen Finger Andy Warhols, wie sie mit einem silbernen Brieföffner „Andy was here“ in den roten Sandstein von Schloss Drachenburg ritzen.

Das Schloss ist ein privates Haus und seine Geschichte ist kürzer als es scheint. 1883 erbaut erweckt es aufgrund seiner neoromantischen Architektur einen viel älteren Eindruck. Der wird angemessen verstärkt durch die Burgruine des Drachenfels, die keine 500 Meter Luftlinie ihre mehr als tausendjährige Trutz verkündet. Der Standort ist grandios. Der Name selbst führt ständig zu Verwechslungen: Schloss Drachenburg wird verwechselt mit Burg Drachenfels, die als Ruine auf den schwarzen Felsen thront. Der Fels selbst heißt Drachenfels und so wird auch das Schloss schon mal Schloss Drachenfels genannt oder gar selbst als Burg bezeichnet, was es nie war und bis heute nicht ist.

Das Privathaus wird vom Erbauer zwar möbliert aber nie bewohnt. Der durch Börsenspekulationen zu Reichtum und Stand gelangte Stephan von Sarter residiert lieber in Paris als in Königswinter. Als 90 Jahre später nach zwei Weltkriegen, unrühmlicher Nutzung durch die Nazis und verantwortungsloser Vernachlässigung durch das Land der Privatmann Paul Spinat das Anwesen erwirbt, ist Schloss Drachenburg recht heruntergekommen und die Sommerfrische aus der Mode.

AndywasherePaul Spinat ist als Main Male Character bestens geeignet. Schräg, skurril und in Wikipediasprache „recht gewagt“ zelebriert er seine künstlerische Existenz mit allerlei kulturellen Highlights, eines davon ist der Besuch Andy Warhols. Spinat begeistert ihn vielleicht mit seinen Darbietungen auf der gefakten Orgel, deren Tasten nur aufgemalt sind und deren Töne aus dem Tonband dröhnen, eher aber wohl mit den Ausflügen im goldlackierten Rolls Royce durch die gewundenen Nebenstrecken im Siebengebirge, beider auffällige Haare im Fahrtwind wehend. Oder das amerikanische Künstlerherz findet Gefallen an gegossenen Gartenfiguren und Balustraden aus Beton. Die ganze Inszenierung hat etwas originär Hollywoodmäßiges – und das in good ol` Germany, hier im verstaubten verträumten in den Fünfzigerjahren stehengebliebenen Königswinter mit seinen gefachwerkten Giebeln und eichengetäfelten Weinstuben.

Andy Warhol ritzt nach einer durchzechten Nacht sein „Andy was here“ in die Mauer und reist wieder ab. Die Königswinterer haben ihn nicht erkannt. Paul Spinats zweifelhafter Ruf ist von einer liebenswerten Art. Viele seiner architektonischen Experimente sind heute noch zu besichtigen und zusammen mit der Geschichte zaubern sie den Besucher/innen ein Lächeln ins Gesicht. Dieses Museum hat er verdient. Mehr als jeder andere. Finde ich, die ich diesen Part des Schlosses am liebsten mag. Sein Wikipedia-Eintrag wurde nach meiner Lesart des ersten Satzes auch von einem großen Fan verfasst: „Er bewahrte Schloss Drachenburg bei Königswinter vor dem Verfall.“ Ich ergänze: „Das ist nicht nur im wörtlichen Sinne von Erosion und Plünderung zu verstehen.“

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